Globale Macht, globale Welt, globale Philosophie

Globale Macht, globale Welt, globale Philosophie

Hans Sluga

 

(Veröffentlicht in Journal of International Philosophy, Japan, 5, 2016)

 

Globalisierung ist zunächst ein Prozess menschlicher Machterweiterung, der mit technischen Fertigkeiten und technologischen Mitteln betrieben wird. In der so entstehenden globalisierten Welt wird die menschliche Machtausübung aber zunehmend der Macht der Gegebenheiten, Umstände, Ereignisse und Dinge ausgeliefert. Das Dilemma offenbart sich täglich in den Metropolen der Erde. Ihre Hochhäuser, Straßenschluchten und Verkehrssysteme – überall gleich mit nur geringen Variationen – sind Monumente der menschlichen Machtentfaltung. Zugleich bezeugen sie aber auch die Unterwerfung und Verzwergung des Menschen angesichts seiner eigenen Werke. Die menschliche Freiheit und Unabhängigkeit, ja, seine Macht und, in der Tat, sein gesamtes Bestehen werden damit zusehends fraglich. Was heißt es eigentlich Mensch zu sein in dieser überdimensionierten, überwältigenden Welt? Philosophisches Denken ist so herausgefordert. Aber was kann die Philosophie im Zeitalter der Globalisierung (noch) leisten? Wie sähe ein wirklich globales Philosophieren aus? Auf dem Weg zu dieser Frage müssen wir erst ein paar Begriffe erläutern.

 

Macht

„Macht“ bedeutet etymologisch die Fähigkeit zum Machen. (Ähnlich steht es mit dem Englischen „power“ und dem Französischen „pouvoir.“ Vom Lateinischen „potentia“ abgeleitet, bezeichnen sie eine Möglichkeit zum Handeln und Machen). In unserem Sprachgebrauch wird „Macht“ allerdings, in engerem Sinne, als die Fähigkeit menschliches Verhalten zu „machen“ verstanden, d.h., als die Fähigkeit ein solches Verhalten in seiner Ausrichtung und seinem Charakter zu bestimmen. So werde ich jedenfalls hier das Wort gebrauchen. Indem, zum Beispiel, ein Staat Recht verordnet, reguliert er das Verhalten der Bürger und übt in dieser Art Macht aus. Eine Mutter übt Macht über ihr Kind aus, indem sie es zum Doktor bringt. Ein Lehrer dadurch, dass er die Schüler zum Lernen anregt. Ein Beamter dadurch, dass er Befehle an Untergebene erteilt oder Anweisungen an das Publikum.

Es gibt noch andere Weisen, den Begriff der Macht zu bestimmen, die ich aufliste um sie gleich wieder beiseite zu setzen. So sagen wir auch, (1) dass jemand Macht hat, wenn er ermächtigt ist, Macht zu gebrauchen. Der Präsident eines Landes ist durch sein Amt ermächtigt Macht auszuüben. Das heißt aber nicht, dass er wirklich die Fähigkeit dazu hat. Der Machthaber kann sich als ermächtigt aber machtlos erweisen. Die wirkliche Macht liegt vielleicht in anderen Händen. (2) Wichtiger ist ein anderer Begriff, nach der Macht eine spezifisch menschliche Fähigkeit sein soll. Der späte Foucault beschreibt Macht solchermaßen als ein menschliches Handeln, das anderes Handeln als sein Objekt hat. Das im Unterschied zum früheren Foucault,     für den Macht über menschliches Handeln hinausgeht. (3) Hannah Arendt geht einen Schritt weiter, indem sie von Macht als konzertiertem Handeln spricht, also von etwas, das nur in einem Zusammenhandeln von Menschen realisiert ist. Das ist sicher zu eng, denn wir sagen doch auch von einem Vater, dass er Macht über sein Kind hat und ausübt.  Arendts Bestimmung verschleiert zudem den Zusammenhang zwischen dem Handeln einzelner Menschen und der Machtausübung von menschlichen Gruppierungen. Aber auch die von Arendt und dem späten Foucault geteilte Bestimmung von Machtausübung als einem menschlichen Handeln scheint mir zu eng. Sagen wir nicht, dass die “Natur”, Katastrophen, Krankheiten, Klimaänderungen usw. Macht über uns haben? Menschliche Handlungen und nicht-menschliche Prozesse üben beide Macht über uns aus, aber auch Gegebenheiten, Umstände, und Dinge. Die Lage, in der ich mich finde, zwingt mich zum Handeln. Sie übt also Macht über mich aus. Die Mauer, die uns trennt, bestimmt unser Verhalten und hat in dieser Weise auch Macht über uns. Meine Begriffsbestimmung erlaubt offensichtlich, dass Nicht-Menschliches Macht ausüben kann. Wenn Macht von Menschen ausgeübt wird, sprechen ich daher spezieller von menschlicher Macht. Arendts und Foucaults Begriffsbestimmungen erschweren es uns dagegen, das Zusammenwirken menschlicher Macht und nicht-menschlicher Macht zu erfassen. Schließlich gibt es auch noch (4) einen Machtbegriff, der voraussetzt, dass Macht immer von einem etwas oder von einem jemand auf ein anderes etwas oder einen anderen jemand ausgeübt wird: zum Beispiel von einem Menschen auf einen anderen Menschen oder von einem Menschen auf eine Sache, oder selbst von einer Sache auf eine andere Sache. Meine Bestimmung erlaubt dagegen, dass ein Mensch Macht auf sich selbst ausüben kann, dass Machtausübung eine Selbstbeziehung sein kann. Auch das ist mir wichtig, weil ich die Philosophie insbesondere als Form der Selbstherrschaft, d.h., als Selbstermächtigung sehen möchte. Meine Begriffsbestimmung ist allerdings auch enger als dieser vierte alternative Begriff, indem ich voraussetze, dass Macht letzthin immer über Menschen ausgeübt wird.

Es geht mir hier überhaupt nicht darum, den „richtigen“ Begriff von Macht zu finden. Das Wort „Macht“ kann legitim in verschiedener Weise gebraucht werden. Nur sollte es in jedem Fall klar sein, wie es gebraucht wird; denn darin besteht oft eine Unsicherheit. Es geht mir hier nur, ganz pragmatisch, um die Frage, welcher Gebrauch uns erlaubt, die Macht in der globalisierten Welt transparent zu beschreiben. Die Frage ist, welcher Begriff es möglich macht, die verschiedenen Ebenen und Realisierungen der Macht genau darzustellen. Es geht um das Verhältnis des Menschen zur Macht, um die Macht der globalen Institutionen, und um die Macht oder Ohnmacht der Philosophie in dieser neuen, globalen Wirklichkeit.

Viele menschliche Beziehungen sind Machtbeziehungen; viel menschliches Handeln ist Machtausübung. In der Nachfolge Nietzsches hat Foucault das richtig gesehen. Aber das darf nicht heißen, dass alle Beziehungen und alles Handeln so zu verstehen sind. Ein gewechselter Blick mag keine Bedeutung haben, er kann aber auch unser Verhalten grundlegend verändern.  Dass menschliche Beziehungen, menschliches Handeln Machtausübung einschließt, heißt aber keinesfalls, dass sie auf diese reduziert werden können, dass menschliche Beziehungen und menschliches Handeln nur als Machtausübung zu verstehen sind. Nichts liegt mir ferner als ein zynisches Verständnis des menschlichen Verhaltens. Eine Mutter ist in ihrem Verhalten dem Kinde gegenüber von Sorge um sein Wohlhaben bewegt; diese Sorge bringt sie dazu, Macht über ihr Kind auszuüben. Die Machtausübung selbst ist nicht ihr Zweck. Und so sieht es wohl auch in anderen Bereichen menschlicher Machtausübung aus.

Zusätzlich zur menschlichen Macht spreche ich von Macht, wenn Naturmächte über uns einbrechen. Aber nicht nur Naturmächte auch, auch was wir selbst geschaffen haben, kann Macht über uns ausüben. So kann eine Mauer Macht über uns ausüben. Der Bau der Mauer, die uns trennt, ist zunächst das Ergebnis menschlichen Handelns. Ein Regime baut eine Mauer, um die eigenen Bürger einzuschließen; ein anderes Regime, umgekehrt, um Fremde draußen zu halten. Hier kann die Machtausübung direkt als menschliches Handeln verstanden werden. Aber wenn die Mauer einmal da steht, dann hat sie eine Wirklichkeit, die nicht mehr vollständig vom menschlichem Handeln abhängig ist. Sie wirkt, selbst wenn die Menschen, die sie gebaut haben, gar nicht mehr da sind. So übt die Mauer nun eine Macht aus, die nicht mehr (jedenfalls, nicht mehr direkt) vom Menschen herkommt. Und das gleiche gilt von gesamten von uns geschaffenen Welt und den in ihr vorhandenen Gegebenheiten und Dinge.

Ich unterscheide so zwischen Naturmächten und solchen Mächten, die wir produziert haben, die dann aber unserem Griff entkommen sind. Ich nenne die letzteren auch einfach historische Mächte, weil sie das Werk historischer Menschen sind. Unter den Dingen, die Macht über uns ausüben unterscheide ich dementsprechend Naturdinge von historisch geschaffenen Dingen, für die ich im Weiteren das Wort „Gerätschaften“ brauche. Mit diesen Begriffen in der Hand können wir nun auch sagen, dass die Globalisierung ein Prozess der historischen Machterweiterung ist, der mit historisch erworbenen Fertigkeiten und mit historisch verfertigten Gerätschaften betrieben wird.  Und wir können zusätzlich feststellen, dass die menschliche Machtausübung in dieser Weise auf die Macht unserer Gerätschaften übertragen wird.

Die Macht der Menschen und die Macht der Dinge (ob Naturdinge oder Gerätschaften) sind wesentlich voneinander verschieden. Dinge üben Macht rein kausal aus. Das heißt nicht, dass ihr Machteffekt vollständig kausal bestimmt ist, denn Menschen reagieren in verschiedener Weise auf die Kausalität der Dinge. Sehen sie diese als ein Zeichen Gottes, dann reagieren sie vermutlich in einer Weise; verstehen sie diese naturalistisch, wird ihr Verhalten wesentlich anders sein. Eine Dürre führt in dem einen Fall vielleicht zu Menschenopfern und im andern zum Bau von Bewässerungsanlagen. Auch menschliche Machtausübung bedient sich der kausalen Effekte. Aber menschliche Machtausübung ist dazu noch ein Handeln, das einen Absichtscharakter hat. Indem wir Macht ausüben, verfolgen wir zugleich bestimmte Absichten.  Eltern üben Macht über ihr Kind aus, um es zu einem unabhängigen, erwachsenen Menschen zu erziehen. Im öffentlichen Leben üben Menschen Macht aus, um erfolgreich oder reich zu werden, berühmt oder bewundert, oder aus hundert anderen Gründen. Wir gebrauchen politische Macht, um einen Staat zu erhalten oder einen anderen Staat zu zerstören. Macht wird gewöhnlich nicht um der Macht selbst wegen ausgeübt. Es gibt einen Willen zur Macht, aber nicht jede Machtausübung exemplifiziert diesen Willen. Die Macht der Dinge und Gegenstände ist weder ein Wille zur Macht noch von irgendeiner anderen Absicht geleitet. Nietzsche, so müssen wir schließen, hat hier falsch gesehen, wenn er schreibt, dass die Welt insgesamt Wille zur Macht ist.

 

Machtbereiche

Eltern üben Macht über ihre Kinder aus, Lehrer über Schüler, Offiziere über ihre Armee aber ihre Macht ist immer beschränkt. Die Macht der Eltern erstreckt sich vielleicht nur so weit wie die Reichweite ihrer Hände. Die Macht des Lehrers nur so weit wie die Reichweite seiner Stimme. Die des Soldaten nur so weit wie die Autorität seiner Befehle. Beim einzeln Handelnden ist die Macht durch seine physische Kraft, seine Stellung in der Gesellschaft, seine psychologische Haltung, und seine Erfahrung begrenzt. Aber wir können den Bereich unserer Macht dadurch erweitern, dass wir zusammenarbeiten. Gemeinsam verrichten wir Taten, deren kein einzelner fähig wäre. In dem wir eine Kette von Handelnden bilden, strecken wir den Bereich unserer Machtausübung weiter, als wir selbst sehen können. Zusammenarbeit hat vielerlei Formen. In einem Dorf braucht es vielleicht nur ein Wort, um die Nachbarn zum gemeinsamen Handeln zu bringen, wenn es darum geht, die Ernte vor einem drohenden Unwetter zu retten. Andere Arten der gemeinsamen Machtvergrößerung und Erweiterung bedürfen vielfältiger Planung und Organisation. Moderne Menschenmassen werden mit raffinierten Methoden dazu gebracht, in kompliziertester Weise mit einander zusammenzuarbeiten – wie, zum Beispiel, in einem Verkehrssystem. Die Geschichte der Politik ist durch die wechselnde Größe und Reichweite unserer Macht gekennzeichnet. Ein Stammeshäuptling kann seine Macht nur auf die ausüben, die ihm unmittelbar nahe sind. Eine moderne Regierung kann Macht über weite Bereiche ausüben, indem sie Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten ausbeutet oder Waffensysteme mobilmacht. Wenn sich der Bereich der Macht schließlich über den ganzen Globus erstreckt, dann sprechen wir von globaler oder planetarischer Macht. Die Vereinigten Staaten sind eine solche globale Macht.

Wir schaffen Machterweiterung durch die Entwicklung neuer Verhaltensweisen. Wir lernen die Technik, geschickter mit Menschen umzugehen; wir lernen sie mit gewitzten Worten zu überreden; wir lernen, wann die Androhung und der Gebrauch von Gewalt effektiv sind, um menschliches Verhalten in beabsichtigter Weise auszurichten. Diese Art von Machtausübung erfordert Kunst. Ich gebrauche ein griechisches Wort und spreche so von machterweiternden Verhaltensweisen als Techniken. Zur Machterweiterung brauchen wir oft auch Gerätschaften verschiedener Art. (Im Englischen würde man hier von „equipment“ sprechen.) Ich nenne diese Gerätschaften auch technologische Mittel, weil ihre Herstellung und ihr Gebrauch nur durch Techniken möglich wird. Ein Sprecher übt Macht aus, indem er zu anderen spricht. Aber ein Lautsprecher kann seine Worte weiter tragen, als seine Stimme reicht, und er kann solchermaßen die Reichweite seiner Macht erweitern. Mit Hilfe elektromagnetischer Ströme kann der Sprecher diese Macht zum Schluss vielleicht sogar planetarisch ausweiten. Um dies zu erreichen, benötigt er technologische Mittel und die wiederum erfordern die Technik ihrer Verfertigung und ihres Gebrauchs.

 

Machtmittel

Ich unterscheide, die Dinge, die natürlich vorkommen und die wir also solche zu unserer Machterweiterung verwenden, von den Gerätschaften, die wir eigens zu diesem Zweck erfinden. Es gibt eine Macht der Dinge aber auch eine Macht der Gerätschaften und die zwei sind zu unterscheiden. Die Macht der Dinge ist unseren Vorfahren offenbar gewesen. Sie haben immer wieder versucht, diese Macht mit Riten und Opfern zu kontrollieren. Wir glauben dagegen, dass wir die Natur unterworfen haben; wir sind uns sicher, dass wir die Naturmächte übermachtet haben. Ob dies der Fall ist, muss sich aber erst noch herausstellen. Denn in den uns heute drohenden ökologischen Katastrophen steht die Macht der Dinge noch einmal gewaltig vor unseren Augen auf. Können wir wirklich die Macht der Dinge entmachten? Auch wenn diese Frage uns noch nicht genug bewusst ist, so verstehen wir sie doch immer noch besser als die der Macht der von uns produzierten Gerätschaften. Wir nehmen in naiver Weise an, dass die Gerätschaften völlig in unserer Macht sind. Sind sie nicht unsere eigenen Kreationen?  Aber allein schon unser Gleichnis von der Mauer, die uns trennt, sollte uns eines besseren belehren.

Die technologischen Instrumente oder Gerätschaften, durch die wir unsere Techniken verstärken, sind nicht von sich aus vorhanden; sie müssen durch technischen Handeln geschaffen werden. Technik produziert dabei Technologie und Technologie produziert wiederum neue Technik. Aber Technik und Technologie gehen nicht immer Hand in Hand und wenn sie es tun, dann nicht stets in derselben Weise. Ich kann mich üben, ein erfolgreicher Redner zu werden. Aber dazu brauche ich nicht unbedingt technologische Instrumente. Die Übung, durch die ich ein solcher Redner werde, ist selbst wiederum eine menschliche Machtausübung. Durch Üben übe ich Macht über mich selbst aus; ich bestimme meine eigenes Verhalten. Um große Menschenmassen zu organisieren brauchen wir allerdings mehr als selbstbestimmende Machtausübung. Wir brauchen technologische Gerätschaften wie  Datensammlungen, Behörden, Büros, usf. Um die Ströme von Menschen in einer modernen Metropolis zu organisieren braucht es Barrieren, Zeichen, Übergänge, Brücken, Verkehrsmittel, Kommunikationsmittel, Bewachungskameras und so weiter.  Unsere Gerätschaften haben vielerlei Formen. Wir können Werkzeuge und Maschinen, Instrumente und Bauwerke, Produkte und Mittel unterscheiden. (Für den Augenblicke sind diese Unterschiede noch nicht von Bedeutung.) Der roh behauene Stein unserer Vorfahren ist eine Gerätschaft, aber so sind mein Fahrrad, mein Bleistift, mein Buch; so sind auch mein Computer, mein Mobiltelephon, und mein elektrischer Rasierapparat, so sind auch ein militärischer Flugzeugträger, Kampfdrohnen, und ein weltweites Überwachungssystem. Wir leben in einer hoch-technologisierten Welt, in der wir stets mit Gerätschaften umgeben sind. Diese sind auf langen, verschlungenen Wegen von Menschen geschaffen worden. Die Herstellung dieser Dinge verlangt die Machtausübung der Hersteller über sich selbst. Und das gleiche gilt von ihrem Gebrauch. Der Produktionsprozess und der Gebrauchsprozess dieser Dinge bringen neue Formen von Machtausübung hervor. Die Fertigung selbst der einfachsten Werkzeuge erfordert Geschick und Erfahrung und dasselbe gilt vom Gebrauch dieser Werkzeuge. Der vorzeitliche Schmied, der einen Pfeilkopf anfertigt, muss wissen, wie das Metall zu erhitzen und zu formen ist; aber er ist vielleicht selbst kein geschickter Schütze. Der geübte Pfeilschütze andererseits weiß, wie er den Pfeil auf den Bogen legen muss und wie er der Pfeil zielen kann, aber er verstehen vielleicht wenig von der Herstellung seines Pfeilkopfs. Geschick und Erfahrung in Herstellung und Gebrauch müssen in beiden Fällen erworben werden.  Der Schmied hat daher seine Lehrlinge und der Pfeilschütze seine Gehilfen. Der moderne Waffenfabrikant muss einen Konzern nach den Regeln der Großwirtschaft leiten können; das Militär, das die Waffen verwendet, muss in ihre Steuerung und Kontrolle trainiert werden. Sowohl Technik wie Technologie tragen dergestalt zur menschlichen Arbeitsteilung bei und bringen damit eine neue Ordnung auch in die kleinsten und einfachsten Formen menschlicher Gesellschaft, insbesondere aber in die moderne globale Gesellschaft.

Die Herstellung wie der Gebrauch von Gerätschaften kann die geordnete Zusammenarbeit von Menschen erfordern – von einigen wenigen oder selbst von gewaltigen Zahlen.  So entstehen durch die Entwicklung von Technologie neue Arten von Machtausübung. Dies ist die disziplinäre Macht, von der Foucault spricht, die sich in den Konzentrierungen von  Betrieben, Konzernen, Büros, Schulen, und Armeen manifestiert. Diese produzieren aber zugleich neue Machtinstrumente, die immer leichter zu handhaben sind. Damit kommt es zugleich zur Verteilung von Macht, zu einer Dispersion der Macht in die Hände von vielen – von einzelnen oder kleinen Gruppierungen von Menschen. Durch die neu geschaffenen technologischen Instrumente vergrößert sich die Reichweite ihrer Macht. Konzentrierung und Verteilung von Macht gehen so Hand in Hand. Hand in Hand gehen auch Gebrauch und Missbrauch unserer Gerätschaften. Die Konzentrierung erlaubt ihren Missbrauch durch die organisierten Institutionen und dies auf großer und volleicht selbst globaler Reichweite. Die Verteilung der Macht ermöglicht aber auch ihren Missbrauch durch einzelne und kleine Gruppierungen und dies wiederum auf großer und potentiell globaler Ebene. Wenn wir den Missbrauch der technologischen Apparate zum Zweck der Machterweiterung „Terrorismus“ nennen, dann müssen wir sagen, dass Machtgebrauch mit Hilfe unserer Gerätschaften notwendig Terrorismus mit sich bringt. Wenn es möglich ist Macht auf globaler Reichweite auszuüben, dann wird es auch immer die Möglichkeit eines globalen Terrorismus geben. Machtgebrauch und Terror gehören zusammen. Und wie die Möglichkeiten von Machgebrauch wachen, wachsen zugleich auch die Möglichkeiten von Terror. Unsere Furcht vor Terror und vor globalem Terrorismus ist nichts als die andere Seite unserer Erkenntnis von der Macht, die unsere Gerätschaften über uns haben.  Wir sind von Grund auf technologische Wesen, weil wir uns technologischer Gerätschaften bedient haben soweit die Menschheitserinnerung zurückreicht. Hat es vielleicht einmal eine vor-technologische Form von menschlichem Leben gegeben? Wir wissen es nicht, weil nur die zurückgebliebenen Gerätschaften von der menschlichen Frühzeit ein Zeugnis ablegen.  Menschen haben, soweit wir wissen, sich immer mit technologischen Gerätschaften umgeben.  In dieser Weise haben sie sich der Macht der Natur entzogen. Technologie hat sich so für sie als ein Werkzeug menschlicher Freiheit erwiesen: der Freiheit von Hunger, Kälte und Dunkelheit; der Freiheit von Krankheit; der Freiheit von der Bedrohung der Wildnis; der Freiheit schließlich auch von der Gefahr, die von anderen Menschen ausgeht. Wir fühlen noch immer angesichts jeder neuen Technologie die verführerische Freiheit unserer Gerätschaften.  Wir fühlen uns frei, wenn wir im Auto sitzend „ins Freie“ fahren. Wir fliegen in unserer „Freizeit“ in ferne Länder und sind doch in beiden Fällen an unsere Gerätschaften gebunden.

Die Technologie, die uns befreit, bändigt uns auch zu gleicher Zeit. Befreit von der Macht der Natur geraten wir in die Macht unserer Gerätschaften.  Und wir können ihnen nicht mehr entkommen; unsere Lebensform erlaubt es nicht anders. Jeder Versuch, die Welt der Gerätschaften zu verlassen, wird zum „Urlaub,“ von dem wir bald wieder in die bekannte Welt zurückzukehren gezwungen sind. Unsere Vorfahren wussten vom Zwang der Dinge. Sie erkannten aber gelegentlich auch den Zwang, der von den Gerätschaften ausgeht – vielleicht, weil ihnen dieser Zwang neu war. So sprachen sie vom zweischneidigen Schwert und vom trojanischen Pferd. Um diesem neuen Zwang zu entkommen, schufen sich zugleich mit der Technologie eine andere Welt: die symbolische Vorstellungswelt ihrer Bilder und Begriffe, in der sie frei und menschlich agieren konnten. Zwecklos war diese Welt ein Gegenstück zur zweckhaften Welt der technologischen Instrumente.

 

Globale Macht

Globalisierung ist zunächst, wie gesagt, ein Prozess der menschlichen Machtenterweiterung und zwar auf planetarischer Ebene. Nicht alle planetarische Machtentfaltung ist allerdings menschliches Tun. Ein Klimawechsel hat möglicherweise globale Folgen; aber dieser Prozess ist nicht gemeint, wenn wir von Globalisierung sprechen. Wir meinen vielmehr planetarische Wirkungen, die auf menschliche Machtentfaltung zurückgehen. Die planetarische Machtentfaltung hat aber zugleich eine Welt von Gerätschaften hervorgebracht, die ihre eigene Macht über uns entfalten. Damit ist die  planetarische Macht dem Menschen entkommen. Der Globalisierungsprozess entfaltet eigene Macht und nimmt uns in der Weise in Beschlag. Wir werden zu Insassen in unseren eigenen Gefängnissen oder, besser vielleicht zu Gefangenen im Luxus unserer Geräte.

Martin Heidegger hat einmal gesagt, dass nicht die Technologie sondern das technologisches Denken unser Problem sei. Das verlagert die Probleme der menschlichen Machterweiterung in die Sphäre des Denkens. Wenn wir nur richtig, d.h., nicht-technologisch denken, ist das Problem, das uns die Technologie uns stellt, bereits überwunden. Heidegger verkennt, dass unsere Technologie uns zu einem technologischen Denken zwingt. Wir stehen im Bann unserer Technologie. Wir können (und wollen!) nicht ohne sie tun. Denn jede einzelne Gerätschaft verspricht uns neue, zusätzliche Macht und jede zusätzliche Macht verspricht uns wiederum neue Freiheiten. So sehen wir nicht, dass das Gesamtverhältnis von Macht und Machtlosigkeit, von Freiheit und Notwendigkeit, sich in diesem Prozess fortwährend zu Ungunsten unserer Freiheit und Macht verschiebt.

Planetarische Machtausübung verlangt hochentwickelte Techniken aber auch hochentwickelte technologische Instrumenten. Die globalisierte Welt ist so eine technisch-technologische Welt. In ihr geht die Macht des Menschen eine Symbiose mit der Macht der  Dinge ein. Wir errichten eine globale Welt. Aber diese Welt entwickelt bald wiederum ihre eigene Macht. Sie steht da als Resultat menschlicher Arbeit und zwingt uns dazu, nach ihren Maßstäben zu leben und zu denken. Das heißt nicht, dass menschliche Machtausübung zu Ende sondern, dass sie jetzt eingebunden ist in eine Wirklichkeit, über die wir unsere Macht verloren haben.

Die planetarische Macht, die sich so manifestiert, hat keine Motive. Sie ist nicht von dieser und jener Absicht gelenkt, sondern sie ist als Naturkraft nur ihren eigenen kausalen Gesetzen unterworfen. Die globalisierte Menschheit hat sich zwar von den Beschränkungen lokaler Gegebenheiten befreit, aber auf der anderen Seite dieser Grenze winkt nicht die menschliche Freiheit, sondern noch einmal und nun durch die Gesamtheit der Gerätschaften gefiltert, die Notwendigkeit der Natur, von der wir uns zu befreien versucht haben. Unser Akt der Befreiung endet so in dem Faktum neuer und ungewohnter Fesseln. Wir können sehen, wenn wir nur die Augen dafür haben dass die Politik der globalisierten Welt keinesfalls eine Politik der Freiheit ist sondern eine Politik der Nötigung, in der wir und unsere Regierenden uns finden – der Nötigung einer immer dringenderen ökologischen Krise, der Nötigung noch immer  wachsender Menschenzahlen, und schließlich der Nötigung unserer eigenen technologischen Instrumenten, die wir warten müssen, um sie und uns selbst zu erhalten.

 

Globale Politik

Politik ist für lange Zeit eine Machtausübung mit begrenzter Reichweite gewesen. Auf dieser Begrenzung sind alle bekannten politischen Ordnungen aufgebaut mit ihrer Unterscheidung von Innen und Außen, mit dem Anspruch, dass jede dieser begrenzten Ordnung Herr im eigenen Haus ist, und dass sie nach außen unabhängig und souverän bestimmen kann. In der globalen Phase der menschlichen Politik, lösen sich diese Begrenzungen auf. Staaten bleiben dem Namen nach bestehen, aber ihr Innen und außen ist nicht länger scharf geschieden. Menschen, Güter, Waffen, Gefahren, Ideologien schwappen über die Grenzpfähle weg.

Es gibt eine globale Politik; sie ist durch die globale Ausweitung der menschlichen Macht zustande gekommen. Durch unsere Gerätschaften haben wir gelernt, die Reichweite unserer Macht stetig auszuweiten bis sie schließlich globalen Reichweite erreicht hat. Die Entwicklung der Seefahrt gibt uns ein lebendiges Bild der Entwicklung. Technisch-technologische Entwicklungen in China und Europa in der modernen Frühzeit erlaubten den ersten Bau von ozeanfahrenden Schiffen. Dann kamen die spanischen und portugiesische Karavellen des 16. Jahrhunderts, die den Erdball umschifften; bald darauf die schnelleren, größeren, bewaffneteren und so mächtigeren holländischen und englischen Galeonen, die die spanisch-portugiesische Machtansprüche in Schranken verwiesen; später kam die Dampfschifffahrt mit den metallenen Schiffen des 19. Jahrhunderts, dem Rückgrat des britischen Weltreiches. Danach die technisch-technologische Übernahme des globalen Luftraums: Flugzeuge, transkontinentale Bomber, interkontinentale Raketensystemen und in unserer Zeit die ferngesteuerten Drohnen, die von Nevada her in Afghanistan, Irak und Syrien Tod austeilen – die heutige Basis der globalen Macht der Vereinigten Staaten. Dazu der beschleunigter Transport von Menschen und Gütern rund um den Erdball, der von allen großen Staaten und Wirtschaften betrieben wird.

Diese Globalisierung der Wasserflächen und des Luftraums wäre, jedoch, nicht so weit fortgeschritten ohne die neuen Kommunikationssysteme von Funkapparaten bis zum digitalen Netz. Globale Transporte und globale Kommunikationen sind, in der Tat, die Pfeiler, auf denen unsere globale Welt aufgebaut ist.  Sie sind auch die Bedingungen der globalen Politik. Das darzustellen übertrifft den Rahmen meines Vortrags und ich muss mich auf wenige Hinweise beschränken, die für die Frage der Stellung der Philosophie in dieser neuen politischen Wirklichkeit von Bedeutung sind.

Wesentlich ist hier vor allem die Beschleunigung aller sozialen und politischen Prozesse. Aristoteles berichtet, dass es nach der Eroberung Babylons durch die Perser drei Tage gebraucht hat, ehe die Nachricht von einem Ende der Stadt zum anderen gelangte. Am 15. Oktober 2015 berichtete die Börse von Bombay, dass sie globale Aktiengeschäfte jetzt in 6 Mikro-Sekunden abschließen kann und dass sie dabei ist, die Geschwindigkeit auf 200 Nano-Sekunden herunterzubringen. Früher dauerte es Wochen und Monate um von einem Ende von China zum anderen oder von Italien nach Deutschland zu reisen, heute überqueren wir globale Abstände in wenigen Stunden. Güter, Menschen, Waffen, Verbrecher, Geschäfte und Gefahren, Rohstoffe und Abfälle werden so mit größter Schnelligkeit durch den planetarischen Raum befördert. Informationen, Missinformationen, Ideen und Gerüchte können fast unmittelbar an alle Stellen der Welt geliefert werden.

Diese Beschleunigung untergräbt gewachsene politische Prozesse. Die Beschleunigung der globalen Prozesse beschleunigt auch die politischen Probleme. Diese entstehen und wachsen schneller als vormals und verlangen unmittelbar wirksame Lösungen. Eine Politik der schnellen Entscheidung tritt so an die Stelle alter sorgfältiger Beratungs- und Verhandlungspolitik. Heute ist die Zeit er Exekutive. Parlamente, Ausschüsse, und selbst Kabinette finden sich oft auf dem Nebengeleise. Dies ist insbesondere schmerzlich in Demokratien wo in sichtbarster Weise Verständigungspolitik zu Entscheidungspolitik umgeformt wird.

Ich lese Carl Schmitts Kritik der parlamentarischen Diskussion und seine Bestimmung des Politischen als einer Freund-Feind Unterscheidung daher nicht als Beitrag zu einer zeitlosen Charakterisierung aller Politik sondern als antizipierende Darstellung von dem, was Politik unter den neuen Bedingungen einer globalen, technologisierten Welt bedeutet.

Die Globalisierung der Welt ist ursprünglich von Wirtschaftsinteressen betrieben worden. Die Spanier wollten das Gold der neuen Welt; die Portugiesen und die Holländer stritten über die Gewürze Ost-Asiens; das Britische Weltreich errichtete sein Handelsimperium auf den fernsten Inseln und Kolonien. Die globale Welt ist damit zu einer Welt geworden, in der Wirtschaftsinteressen dominieren. Die Bewegung von Menschen über den Globus ist noch immer von Grenzen beschränkt, während Güter frei von Kontinent zu Kontinent verschifft werden und die letzten Handelsschranken zur Verhandlung stehen selbst gegen den Willen der betroffenen Völker.

Die Ökonomie ist die Logik der Gerätschaften. Die Ökonomisierung der Welt im Prozess ihrer Globalisierung ist die Vergerätschaftung der Welt. Diese ergreift alle Bereiche des Lebens. Wir sprechen von der Herrschaft des Neo-Liberalismus. Aber die verwirtschaftete Welt ist nicht das Werk einiger Wirtschaftswissenschaftler von Chicago; sie ist nicht der Ausdruck einer Ideologie sondern der Imperativ der technologischen Gerätschaften und der technologisierten, globalen Welt, die wir geschaffen haben. In dieser Welt beobachten die Umfunktionalisierung aller Aspekte unseres Lebens. Alles wird dem technologisch-ökonomischen Imperative unterworfen. Die wilde Natur wird zum Naturschutzpark; historische Monumente werden sorgfältig restaurierte Objekte touristischer Neugier; Erziehung wird zur Ausbildung der Verwalter der vergerätschafteten Welt.

Auch die Politik erhält eine neue Ausrichtung in dieser Welt. Auch sie gerät in die Maschinerie der Gerätschaften. Sie wird zu gigantischen Verwaltungsbehörde für die Welt der Gerätschaften. Die frühere Trennung von Wirtschaft und Politik und die Idee, dass politische Entscheidungen wirtschaftliche Interessen kontrollieren und regulieren sollten wird ersetzt durch die Integrierung von Politik und Wirtschaft in ein System. Der Staat als unabhängige Instanz hört auf und wird zum „Korporat,“ einer neuen Konfiguration von politischer und wirtschaftlicher Macht in der sich politische und Wirtschaftskräfte teilen. Die Trennung von Politikern und Wirtschaftskräfte verschwindet; das Personal wechselt im Zyklus von einer Position zur anderen.

Die globalisierte Welt löst nicht alle alten Strukturen auf, sondern integriert sie in die Logik ihrer eigenen Interessen. Gemeinden, „Staaten“, „Kulturen“, „Traditionen“, Sprachen bleiben bestehen aber als Funktionen der integrierten technologischen Welt. Damit wird diese neue  Welt insgesamt unüberschaubar. Die Kategorien, in denen wir einmal die Welt erfasst haben, scheinen nicht mehr zu greifen.  Im Gigantismus der globalen Strukturen verzwergt der Mensch nicht nur als Körper sondern auch als geistiges Wesen.

Die Vielfalt der integrierten Elemente verhindert zugleich die Bildung eines globalen Staates.  Denn mit der Globalisierung haben wir zugleich auch unsere Unterschiede, Gegensätze, und Konflikte globalisiert.  Darum gibt es heute den globalen Terrorismus.  Darum gibt es die globalen Streitkräfte feindlicher Mächte mit ihren atomaren Unterseebooten, ihren transozeanischen Flotten, nuklearen Bombern, Raketensystemen, Drohnen und Satelliten. Es gibt keinen Weltstaat und keine Weltregierung, sondern nur die immer gegenwärtige Möglichkeit des Konflikts, der in der globalen Welt immer globalen Charakter annehmen kann.

Es gibt auch nicht die dauernde Dominanz eines Teils dieser globalen Struktur über die anderen Teile. Die treibende Kraft im Prozess der Globalisierung ist lange in den Händen des Westens gewesen. Aber die Ausgleichung und Angleichung aller Teile des globalen Systems, die selbst ein unvermeidliches Resultat der Globalisierung ist, verhindert ein dauerndes Ungleichgewicht. Bis jetzt hat der Westen stets angenommen, dass die gesamte Welt auf dem selben Pfad der Entwicklung ist, wie der Westen selbst. Und weil der Westen seine moderne Entwicklung als ein Fortschreiten von der Autorität der Institutionen zur Freiheit des Einzelnen verstanden hat, und als eine Entwicklung von der Herrschaft der Wenigen zu der Herrschaft der Vielen, hat er zugleich angenommen, dass der Globalisierungsprozess die gesamte Welt in dieselbe Richtung zwingen würde. Das stellt sich jetzt jedoch als Irrtum heraus. Stattdessen sollten wir eine Konvergenz verschiedener Historien und Entwicklungen erwarten. Und daraus folgt natürlich auch, dass ein globales Philosophieren, dass diesen Prozess verstehen will, seinen Blick nicht nur auf den Western richten kann. Globalisierung kann nicht die Projektion westlicher Ideen auf den Rest der Welt sein.  Ihr Ergebnis wird vielmehr die Amalgamierung verschiedener Denkweise und Denktraditionen sein.  Im Zeitalter angenommener globaler Einförmigkeit muss ein globales Philosophieren so den Pluralismus der menschlichen Ausgangsbedingungen der Globalisierung klar im Auge halten.

 

Globale Philosophie

Es bleibt allerdings die Frage: Was kann Philosophie in der entstehenden globalen Welt noch bedeuten – unter Umständen, die so radikal verschiedenen sind von denen, unter die sie einmal entstanden ist und floriert hat? Wie steht es mit dem langsamen, reflektierenden philosophischen Nachdenken in einer Zeit der Beschleunigung und Rastlosigkeit? Wie sollen sich das freie philosophische freie Befassen mit Begriffen im Zeitalter einer durchgehenden Ökonomisierung als nützlich erweisen? Wie kann sich die Philosophie, zusammen mit den Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, im Universitätsbetrieb erhalten, wenn Erziehung zur Ausbildung in der Bewahrung, Wartung und Vermehrung unserer Gerätschaften wird? Es gibt eine globale Politik, eine globale Wirtschaft, globale Finanzsysteme, globale Diplomatie, ein globales Internet, globale Unterhaltung, und globale Konflikte. Aber kann es eine globale Philosophie geben und wie soll sie aussehen?

Es ist jedenfalls sicher, dass sich unser Philosophieren im Rahmen der globalen Gesellschaft neu definieren muss. Von Kung-tze und Platon bis zu Heidegger and John Rawls haben wir Philosophen immer wieder den Anspruch auf die geistige Führung unserer Gesellschaft gestellt. Die Philosophie, so hieß es einmal, gibt ein Gesamtbild der Wirklichkeit, einen Überblick, der uns erlaubt, uns selbst und unseren Platz im Ablauf der Dinge zu sehen. Die Philosophie, so hieß es auch, stellt die Normen und Prinzipien auf, nach denen wir unser individuelles und politisches Leben einrichten sollen. Sind solche Ansprüche noch realistisch im Zeitalter der Globalisierung? Manches spricht jedenfalls dagegen. Zum ersten, die Unmöglichkeit eines Überblicks über unsere Wirklichkeit. Wir sind gezwungen, die Unübersichtlichkeit unserer Situation anzuerkennen. Statt der Philosophie die Aufgabe zu erteilen, die letzten und höchsten Maßstäbe zu bestimmen, müssen wir auch anerkennen, dass solche Maßstäbe mit dem Aufscheinen einer neuen Welt ganz nutzlos geworden sind. Dazu kommt die zunehmende Marginalisierung alles Geistigen in der globalen Realität im Gegensatz zur überwältigenden Präsenz unserer Macht- und Machwerke. Dann, die Beschleunigung des Lebens, die für stilles Nachdenken weder die Zeit noch die Ruhe hat. Die Verkürzung unserer Aufmerksamkeit auf Sekunden, die für lange Gedankengänge und schwierige Texte nicht die Geduld aufbringen kann. Dazu kommt auch noch die Integrierung der gesamten globalen Gesellschaft in das dichte Netz des Korporats mit seinen politisch-ökonomischen Überforderungen. Dazu kommt die Aufhebung des Lokalen und Geschichtlichen, von denen unser Philosophieren einmal gelebt hat, und ihre Auflösung in die anonyme Zeitlosigkeit unserer planetarischen Wirklichkeit. All dies und mehr spricht gegen die gewohnten Ansprüche des philosophischen Denkens.

Es bieten sich verschiedene Antworten an. (1) Vielleicht müssen wir von den hellenistischen Denkern lernen. Sie lebten auch in einer Zeit, in welcher der frühere Herrschaftsanspruch der Philosophie seine Geltung verloren hatte. Der war einmal an die antike Polis geknüpft gewesen als einer freien, unabhängigen, selbst-verwaltenden, lokalen Einrichtung. Als die Polis diesen Charakter verlor, wandten sich die hellenistischen Denker vom Anspruch auf die geistige Führerschaft ihrer Gesellschaft ab. Sie sahen sich nicht mehr als Bürger ihrer eigenen Städte und Staaten, sondern als Bürger des Kosmos, als Kosmopoliten. Sie ebneten damit den Weg zu einer neuen menschlichen Lebensform, der Zurückgezogenheit von der Welt, die im christlichen Eremiten- und Mönchswesen noch einmal eine Erhöhung erfahren sollte. Wir könnten uns also ein Philosophieren der Zukunft vorstellen, in dem es zu einem Werk der wenigen geworden ist, die sich in ihrer Zurückgezogenheit, außerhalb der Institutionen  und Akademien, mit einander der alten Kunst des reflektierenden Denkens widmen. Stets in der Hoffnung, dass die Welt eines Tages den Wert dieses Denkens wiederentdecken möchte. (2) Dann könnte sich die Philosophie im globalen Zeitalter auch darauf verstehen, der Bewahrung alter, unterschiedlicher Denkwege zu dienen, der Pflege alter philosophischer Sprachen, dem Lesen klassischer Texte, der Praxis alter und vielleicht altmodischer Denkweisen. Globales Philosophieren hieße dann, die historischen und lokalen Variationen des philosophischen Denkens Ernst zu nehmen und sie in ihrer Vielfalt bestehen lassen. Das hieße nicht, der philosophischen Sprachlosigkeit auf globaler Ebene das Wort zu reden. Vielmehr könnte der globale philosophische Dialog zwischen uns sich genau mit den Unterschieden und Übergängen zwischen Denkweisen und Denktraditionen befassen. Ein solches Denken stände zu gleicher Zeit der Einförmigkeit der globalen Welt diametral entgegen.  (3) Dann können wir zugleich auch die Möglichkeit eines kritischen globalen Philosophierens verstehen. Ein solches Philosophieren müsste sich auch mit den Bedingungen seiner eigenen Wirklichkeit befassen. Es müsste sich also  genau mit den Themen, die ich angeschnitten habe, auseinandersetzen, d. h., mit der Entwicklung der menschlichen Macht, ihrer Ausdehnung auf eine globale Reichweite, der Erstellung einer Welt von Gerätschaften zu genau diesem Zweck, der sich daraus ergebenden Unterordnung der menschlichen Macht unter die Macht der Dinge und Gerätschaften, und der folgenden Unterhöhlung der Philosophie als einer wesentlichen Form der menschlichen Selbstermächtigung. Und damit kommen wir schließlich zur entscheidenden Frage: (4) Philosophisches Denken ist immer und überall und vor allem ein Prozess der menschlichen Selbstermāchtigung.  Es hat sich stets und überall der Macht der Dinge und Gerātschaften entgegengesetzt. Im philosophischen Denken zeigt sich die Macht des Menschen in der Freiheit seiner symbolischen Konstruktionen. Aber wieviel bleibt uns noch von dieser Macht?  Wie steht es mit der Philosophie im Zeitalter ihrer und unserer Entmächtigung?

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